Vier Düfte, zwei Gruppen und eine Frage: Macht es einen Unterschied, wie konzentriert die Düfte beim Riechtraining sind? Damit beschäftigte sich eine Untersuchung von Michael Damm und Kollegen. Sie liefert einen Einblick in die Forschung zu Riechstörungen nach Infekten – und zeigt, warum sich hinter einer scheinbar einfachen Prozentzahl eine interessante Geschichte verbergen kann. [1]
Die 2014 veröffentlichte Untersuchung umfasste 144 Personen an zwölf universitären Zentren. Die Besonderheit des Vergleichs: Alle Teilnehmenden trainierten mit vier Düften. Verglichen wurden höhere und niedrigere Duftkonzentrationen. Wer die Ergebnisse verstehen möchte, sollte diesen Unterschied kennen. [1]
Was sich nach 18 Wochen verändert hatte
Die Teilnehmenden wurden zufällig den beiden Gruppen zugeteilt. Nach den ersten 18 Wochen hatte sich die Riechfunktion bei 18 von 70 Personen mit höherer Duftkonzentration verbessert; bei niedrigerer Konzentration waren es 11 von 74. Gerundet sind das 26 gegenüber 15 Prozent. Danach wechselten die Gruppen die Konzentrationen für weitere 18 Wochen. Die Grafik zeigt die Ergebnisse des ersten Zeitraums. [1]
Eine Verbesserung ist dabei nicht gleichbedeutend mit einer vollständigen Rückkehr des Geruchssinns. Denk etwa an den Unterschied zwischen „Ich bemerke beim Kochen wieder etwas“ und „Alles riecht wie früher“. Beides wäre im Alltag bedeutsam, meint aber nicht dasselbe. Ebenso wenig sind die Prozentzahlen eine persönliche Erfolgsquote: Sie beschreiben diese untersuchten Gruppen. Aus dem dargestellten Gesamtvergleich allein lässt sich keine statistisch gesicherte Überlegenheit ableiten.
Der interessante Blick auf das erste Jahr
Besonders auffällig war das Ergebnis bei den 55 Personen, deren Riechstörung weniger als zwölf Monate bestand. Hier verbesserten sich 15 von 24 mit höherer und 6 von 31 mit niedrigerer Duftkonzentration: rund 63 gegenüber 19 Prozent. Dieser Unterschied war statistisch signifikant. Die Autoren sahen darin einen Hinweis, dass Riechtraining besonders bei einem Beginn innerhalb des ersten Jahres hilfreich sein könnte. [1]
Die Zahl 63 Prozent gehört also zu einer kleineren Teilgruppe, nicht zu allen 144 Teilnehmenden. Das ist ein wesentlicher Unterschied: Eine Überschrift wie „63 Prozent Erfolg durch Riechtraining“ würde aus einem genau beschriebenen Ergebnis eine viel allgemeinere Aussage machen. Interessant ist hier vielmehr die Frage, welche Rolle die Dauer einer Riechstörung für die beobachteten Ergebnisse spielt. Eine starre Grenze, ab der Veränderungen ausgeschlossen wären, lässt sich aus diesem Vergleich nicht ableiten.

Welche Frage offenbleibt
Die Untersuchung verglich zwei Formen des Trainings. Eine Gruppe ohne Training gab es nicht. Deshalb lässt sich damit nicht beantworten, wie viel Veränderung im selben Zeitraum ganz ohne Training eingetreten wäre. Das macht den Vergleich der Duftkonzentrationen nicht uninteressant; es erklärt, welchen Ausschnitt die Studie beleuchtet. [1]
Für das Lesen der Grafik bedeutet das: Beide Balken gehören zu Menschen, die trainierten. Wer nur die unterschiedlich langen Balken betrachtet, könnte leicht einen Vergleich zwischen „mit“ und „ohne“ Training vermuten. Erst mit dieser Information, dem Zeitraum und der Unterscheidung zwischen Gesamtgruppe und Teilgruppe wird aus den Zahlen ein verständliches Ergebnis.
Die Arbeit erschien vor der Pandemie und untersuchte Riechstörungen nach anderen Infekten. Forschung speziell zu COVID-19 stellen wir im Beitrag über Geruchsverlust nach Corona vor. Die Zahlen dieses Artikels stammen aus der verlinkten wissenschaftlichen Kurzfassung, dem Abstract. [1]
Quellen & weiterführende Literatur
- Damm et al. (2014): Olfactory training is helpful in postinfectious olfactory loss: a randomized, controlled, multicenter studyThe Laryngoscope 124(4), 826–831 · DOI 10.1002/lary.24340. Randomisierte multizentrische Studie.



