Du öffnest die Kaffeepackung und erwartest den vertrauten Duft. Stattdessen riecht es verbrannt, fremd oder so unangenehm, dass du am liebsten gleich wieder zumachst. Ist der Kaffee verdorben? Eine andere Person riecht daran und findet alles ganz normal. Das kann mindestens so irritierend sein wie der Geruch selbst: Ihr steht vor derselben Packung und erlebt offenbar etwas völlig Unterschiedliches.
Wenn ein vorhandener Geruch verändert wahrgenommen wird, heißt das Parosmie. Ein früher angenehmer Duft kann dabei plötzlich abstoßend wirken. Das ist etwas anderes, als ihn nur schwächer zu riechen. Parosmie kann beispielsweise nach einem Virusinfekt auftreten – und erklärt, warum ein vertrautes Lebensmittel auf einmal überhaupt nicht mehr vertraut erscheint. [1] [2]
Was Forschende in einer Tasse Kaffee gefunden haben
„Kaffeeduft“ klingt nach einer einzigen Sache. Tatsächlich steckt dahinter ein Gemisch vieler Aromastoffe. Für die Forschung ist das eine spannende Spur: Was passiert, wenn einige dieser Bestandteile plötzlich anders wahrgenommen werden? Jane Parker und ihr Team gingen dieser Frage nach und veröffentlichten ihre Untersuchung 2022. Dabei ließen sie die Teilnehmenden nicht einfach an einer Tasse riechen. Sie trennten das Kaffeearoma im Labor in einzelne Bestandteile, die nacheinander beurteilt wurden. [3]
An der Untersuchung nahmen 29 Menschen mit Parosmie nach einem Virusinfekt und 15 ohne Parosmie teil. Bestimmte sehr geruchsaktive Moleküle lösten bei Betroffenen den unangenehm veränderten Eindruck aus. Die Menschen mit Parosmie waren gezielt ausgewählt worden, weil Kaffee zu ihren Auslösern gehörte. Die Ergebnisse erklären daher etwas über dieses Phänomen, aber nicht, wie häufig es bei allen Betroffenen vorkommt. [3]
Ein Duft, viele Bestandteile
Eine Spurensuche am Beispiel Kaffee.

Als Bild kannst du dir ein vertrautes Musikstück vorstellen: Wenn einzelne Töne plötzlich völlig anders klingen, erkennst du das Ganze vielleicht kaum wieder. Dieser Vergleich soll den Gedanken anschaulich machen; er ist keine genaue Erklärung der Vorgänge im Gehirn. Die Studie zeigt vor allem, wie lohnend der Blick auf einzelne Duftbestandteile ist. Sie liefert weder eine fertige Therapie noch eine Liste von Lebensmitteln, die alle Menschen mit Parosmie meiden müssen. [3]
Wenn der gemeinsame Esstisch schwierig wird
Im Alltag hilft es wenig, darüber zu streiten, wie etwas „wirklich“ riecht. Mit „Für mich riecht das gerade anders als früher“ lässt sich die Situation oft besser beschreiben. Die andere Person muss denselben Eindruck nicht haben, um ihn ernst zu nehmen. Gerade am Esstisch darf es darum gehen, was für dich im Moment angenehm ist – ohne bei jeder Mahlzeit beweisen zu müssen, dass der Geruch für dich tatsächlich anders ist.
Vielleicht sind es einzelne Zutaten, vielleicht bestimmte Düfte beim Kochen. Statt vorsorglich immer mehr Lebensmittel zu streichen, kannst du für einige Tage festhalten, was gut klappt und was dich stört. Notiere ausdrücklich auch die unauffälligen oder angenehmen Dinge: Sie sind für deinen Alltag mindestens ebenso nützlich wie eine Liste der Auslöser. Die kleine Übersicht unten bietet dafür einen Anfang.

Wenn dadurch sichtbar wird, dass Essen oder Trinken zunehmend schwierig wird, hole dir Unterstützung. Riechstörungen können das Essverhalten beeinflussen; ungewollter Gewichtsverlust ist ein Anlass, ärztlichen Rat einzuholen. Das Ziel ist, ausreichend und möglichst abwechslungsreich versorgt zu bleiben, während die Ursache und passende Behandlung geklärt werden. [1]
Geht Parosmie wieder weg?
Es gibt unterschiedliche Verläufe: Die Wahrnehmung kann sich bessern, Beschwerden können aber auch lange anhalten. Ein plötzlich wieder bemerkter, noch unangenehmer Duft ist deshalb kein verlässlicher Kalender für die Erholung. Lass eine anhaltende Veränderung in der HNO-Praxis abklären. Dort sind auch die konkreten Auswirkungen wichtig – etwa, ob bestimmte Mahlzeiten schwierig geworden sind oder dich Gerüche beim Kochen stark belasten. [2]
Für das Gespräch darüber brauchst du keine komplizierten Fachwörter. Das Beispiel mit deinem Morgenkaffee erzählt bereits sehr anschaulich, was sich verändert hat. Und wenn du deiner Familie erklären möchtest, weshalb ihr dieselbe Tasse so unterschiedlich erlebt, hilft vielleicht der Gedanke an die vielen einzelnen Aromastoffe. Hinter einem vertrauten Duft steckt mehr, als das Wort „Kaffee“ vermuten lässt.
Quellen & weiterführende Literatur
- NIDCD / NIH: Smell Disorders: Smell DisordersPatienteninformation des US-Forschungsinstituts. Institutionelle Patienteninformation.
- Cleveland Clinic: Parosmia: Parosmia (Distorted Smell): Causes, Symptoms & TreatmentMedizinisch geprüfte Patienteninformation, aktualisiert 09.08.2022. Institutionelle Patienteninformation.
- Parker, Kelly & Gane (2022): Insights into the molecular triggers of parosmia based on gas chromatography olfactometryCommunications Medicine 2, 58 · DOI 10.1038/s43856-022-00112-9. Experimentelle Untersuchung von Geruchsauslösern.


