Beim Vorbeigehen an einer Bäckerei kurz langsamer werden. An einer aufgeschnittenen Zitrone riechen. Den vertrauten Duft eines Menschen erkennen. Meist begleitet uns das Riechen ganz nebenbei. Erst wenn wir genauer darauf achten, merken wir, wie schwer ein Duft manchmal zu beschreiben ist: Er kommt uns bekannt vor, aber das passende Wort fehlt. Frisch? Blumig? Oder doch eher würzig?
Riechtraining, auch Geruchstraining genannt, bezeichnet das regelmäßige, bewusste Riechen an ausgewählten Düften. Bei der klassischen Methode sind es vier Geruchsrichtungen, die morgens und abends wiederkehren. Bekannt wurde diese Zusammenstellung unter anderem durch die Forschung von Thomas Hummel und Kollegen. Warum gerade diese Düfte auftauchen und wie aus Molekülen ein Geruchseindruck wird, lohnt einen genaueren Blick. [1]
Riechen beginnt in der Nase – und geht im Kopf weiter
Stell dir vor, jemand schält neben dir eine Orange. Winzige Duftmoleküle gelangen mit der Luft zu den Riechsinneszellen weit oben in deiner Nase. Dort entsteht ein Signal, das ans Gehirn weitergegeben wird. Erst aus dieser Verarbeitung wird der vertraute Eindruck „Orange“. Nase und Gehirn arbeiten also zusammen, auch wenn wir davon im Alltag nichts mitbekommen. [2]
Das Riechen hat dabei mehr als einen Eingang. Beim Essen gelangen Aromen auch aus dem Mundraum über den Rachen zur Nase. Deshalb ist die Nase am typischen Geschmack einer Orange beteiligt, obwohl wir gerade hineinbeißen und nicht ausdrücklich daran schnuppern. Süße und Säure allein erzählen eben noch nicht die ganze Geschichte dieser Frucht. Wie eng Riechen und Schmecken zusammenhängen, erklärt auch unser Beitrag über den Geruchssinn beim Essen. [2]

Einen Geruch zu benennen, ist wiederum eine eigene kleine Aufgabe. Du könntest „Zitrone“ sagen – oder beschreiben, was dir daran auffällt: frisch, hell, vielleicht etwas herb. Beide Beschreibungen lassen sich nebeneinander stehen lassen. Die eine benennt die vermutete Quelle, die andere deinen Eindruck. Für ein paar bewusste Duftmomente brauchst du kein Fachvokabular wie bei einer Weinverkostung. Deine eigenen Worte sind ein guter Anfang.
Warum ausgerechnet Rose, Eukalyptus, Zitrone und Nelke?
Diese vier Geruchsrichtungen begegnen dir beim Thema Riechtraining immer wieder. Sie lassen sich leicht auseinanderhalten, wenn man ihre Namen als kleine Merkhilfe nimmt: blumig, frisch, zitrisch und würzig. Ihr gemeinsamer Auftritt hat einen konkreten Hintergrund. Hummel und Kollegen verwendeten in ihrer 2009 veröffentlichten Untersuchung entsprechende Duftstoffe; die Teilnehmenden der Trainingsgruppe beschäftigten sich damit zweimal täglich über zwölf Wochen. [1]
Die Namen beschreiben Geruchsrichtungen, keine einheitliche Rezeptur. In der Forschung werden bestimmte Duftstoffe und Konzentrationen eingesetzt. Eine Rose im Garten, ein ätherisches Öl und eine vorbereitete Duftprobe können zwar ähnlich benannt sein, sind aber unterschiedliche Materialien. Wer einen Studienbericht liest, findet deshalb neben den Ergebnissen auch Angaben dazu, womit und wie lange gearbeitet wurde. Einen solchen Forschungsansatz stellen wir im Beitrag zur Untersuchung mit 144 Teilnehmenden vor. [1] [3]
Einen Duft genauer kennenlernen
Für einen bewussten Moment mit einem Duft kannst du dir eine einfache Frage stellen: Was fällt mir daran auf? Vielleicht erinnerst du dich bei einer würzigen Note an Backen, bei etwas Blumigem an einen Garten. Vielleicht kommt keine Erinnerung und du findest nur ein Wort, das halbwegs passt. Daraus muss kein Ratespiel werden. Es ist ebenso interessant festzustellen, dass du denselben Duft ganz anders beschreibst als jemand neben dir.
Wenn du deine Eindrücke festhalten möchtest, reicht ein kurzer Satz. Statt einer Schulnote für deine Nase könntest du beispielsweise „frisch, ein wenig herb“ notieren. Beim späteren Lesen weißt du dann, was du mit dem Duft verbunden hast. Für die praktische Handhabung vorbereiteter Riechstifte oder Riechgläser führt dich unsere Anleitung zum Riechtraining durch eine Runde mit vier Düften.
Quellen & weiterführende Literatur
- Hummel et al. (2009): Effects of olfactory training in patients with olfactory lossThe Laryngoscope 119(3), 496–499 · DOI 10.1002/lary.20101. Prospektive Vergleichsstudie.
- NIDCD / NIH: Smell Disorders: Smell DisordersPatienteninformation des US-Forschungsinstituts. Institutionelle Patienteninformation.
- Damm et al. (2014): Olfactory training is helpful in postinfectious olfactory loss: a randomized, controlled, multicenter studyThe Laryngoscope 124(4), 826–831 · DOI 10.1002/lary.24340. Randomisierte multizentrische Studie.



